Interviews


Interview Sources: Wer braucht schon einen Zen-Meister, wenn er einen Hund hat? / Juli 2017

Für die Sommer-Ausgabe des französischen Magazins "Sources" führte Nathalie Calmé ein Interview mit mir. Hier ist die deutsche Übersetzung ...

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Buddha auf vier Pfoten zu schreiben?
Die Zeit mit Bobba war für mich sehr erfüllend und auch sehr wichtig. Er war ein wirklicher Freund, der überaus großzügig mit seiner Weisheit und seinem Witz umging, sodass ich nahezu rund um die Uhr von ihm lernen durfte. Er war damals ja ständig bei mir, begleitete mich überall hin und ich nannte ihn oft meinen „Co-Piloten“. Seine ganze Art tat mir gut, er lebte das, was ich bei den alten Meistern gelesen hatte und brachte mich damit von der Theorie zur Praxis. Und das war etwas, was ich weiterzugeben hoffte: Etwas Lebendiges, Atmendes, Reales. Etwas, das nicht nur über Spiritualität spricht, sondern aus ihr heraus gewisse Dinge vermittelt. Bobba war das ideale Beispiel, sodass das Schreiben des Buches mir auch sehr leicht fiel. Und ich bin auch sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte, diesem vierbeinigen Clown und Zen-Meister ein kleines Denkmal zu setzen. Das hat er wirklich verdient!

Wie hat Bobba Sie dazu veranlasst, den Zen-Buddhismus im Alltag zu leben?
Hunde sind anders als Menschen überhaupt nicht verkopft, machen nicht alles unnötig kompliziert, sondern erfreuen sich in großer Einfachheit an den Dingen. Bobba war tatsächlich ein Meister dieser Kunst, während ich, als ich ihn kennenlernte, eher ein verschrobener, um seinen eigenen Geist kreisender  Bücherwurm war. Selbst spirituelle Dinge, die mich durchaus interessierten, bin ich eher akademisch angegangen – immer schön weit weg von einer wirklichen Praxis und einen gewissen Sicherheitsabstand wahrend. Bobba hat mir durch seine Art gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, viele Schriften zu kennen und die philosophischen Unterschiede verschiedener buddhistischer Wege herunterbeten zu können, sondern dass es eher darum geht, sich verändern zu lassen. Es zuzulassen, dass die Meditation einen der Welt nahe bringt, dass sie das Herz öffnet und alle Erfahrungen einlädt, dass man tatsächlich vom Leben berührt wird.     
Ein Hund versteckt sich nicht, sondern zeigt sich so, wie er ist. Er bemüht sich nicht, will nichts erreichen, sondern lebt in vollen Zügen, genießt die Sonne, den Wind um die feuchte Nase, das kitzelnde Gras unter seinen Pfoten. Er ist gegenwärtig, wirklich anwesend und nicht durch seinen Intellekt auf Abstand. Das bei Bobba zu beobachten, zu erleben und darüber zu staunen, hat mich sehr verändert und mich von einem Zuschauer des Zen zu einem Praktizierenden gemacht, dem das Wort Zen immer unwichtiger wurde, während das Leben selbst einen immer größeren Raum einnehmen konnte.

In einem Kapitel Ihres Buches beschreiben Sie die Eigenschaften des Zen und was es erlaubt:
        das Durchbrechen der gewohnten Denkmuster;
        das Infragestellen der eigenen Rollen und Masken;
        das Ankommen und Verweilen im jetzigen Augenblick;
        das Lachen über sich selbst und über alle sogenannten Autoritäten.
Wie hat Bobba Ihnen geholfen, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu erleben?
Das Durchbrechen der gewohnten Denkmuster bezieht sich für mich vor allem auf unsere Erwartungen. Wir meinen ja oft ganz genau zu wissen, wie das Leben denn sein solle … Nicht zu kalt, nicht zu heiß, nicht zu aufregend, nicht zu langweilig … Da gibt es so einen Wellness-Anspruch an das Leben, das sich gefälligst in unserer Komfortzone abspielen soll. Und auch in spiritueller Hinsicht haben wir ähnliche Erwartungen. Ein Meister muss einen langen weißen Bart haben und komische Klamotten tragen. Nach fünf Minuten Meditation muss man wenigstens erleuchtet sein – und diese Erleuchtung soll sich doch bitte als unablässiges Feuerwerk der guten Laune manifestieren. Bobba hat all diese Erwartungen nicht erfüllt. Im klassischen Sinne war er eine einzige Enttäuschung. Er hat mich also von meiner eigenen Täuschung bezüglich vieler Dinge befreit. Er war kein Inder, kein Tibeter, kein uralter Mönch, kein Hüter irgendeines okkulten Wissens, sondern einfach ein mittelgroßer Mischlingshund, der nicht mehr von meiner Seite wich, meine Meditationen mit Furzkonzerten begleitete, immer dann nicht hörte, wenn andere Menschen uns beobachteten, seinen ganz eigenen Kopf hatte und mir in jeder Situation – vor allen in den unmöglichsten – einen klitschnass gesabberten Ball vor die Füße warf. Sein Verhalten lief sehr oft meinen Erwartungen entgegen, sodass ich mich mehr oder weniger notgedrungen auf das einlassen musste, was sich im jeweiligen Augenblick zeigte. Zudem war er wie gesagt ganz er selbst, trug nie eine Maske und scherte sich einen feuchten Dreck um irgendwelche Rollen. Er konnte einen Rottweiler  vermöbeln und sich gleich darauf vor einem Yorkshire-Terrier auf den Rücken werfen. Ihm war nichts peinlich, da jedwede Erwartungshaltung einfach an ihm abprallte. Dadurch wirkte er auf mich wie ein Spiegel, in dem ich oft erkannte, wie sehr ich doch bemüht war, gewissen Vorstellungen (meist meinen eigenen) zu entsprechen. Da mir dies mit einem weisen Narren wie Bobba an meiner Seite immer weniger gelang, musste ich einfach oft über mich selbst lachen, was wohl jedem Menschen gut tut. Autorität war ebenso kein Thema für ihn, da er ausschließlich Freunde kannte und jedem erst einmal sehr zuvorkommend begegnete. Versuchte man, in irgendeiner Form über ihn zu bestimmen, zog er sich jedoch schnell zurück, drehte einem den Rücken zu und schlief übergangslos ein. Das erschien mir auch als grundsätzlich nachahmenswerte Haltung (vor allem selbst ernannter) Autoritäten gegenüber …

Welches waren Bobbas beste Eigenschaften als Zen-Meister?
Zuerst einmal beantwortete er für mich die berühmte Frage „Hat ein Hund Buddha-Natur?“ mit einem klaren Ja. Ich habe selten ein entspannteres, anspruchsloseres und freudvolleres Wesen als ihn getroffen. Er saß auf der Wiese im Park, atmete ein und aus, schien zu lächeln, blinzelte ein bisschen in die Sonne – und war mit diesem und jedem anderen Augenblick einfach zufrieden. Er musste weder den starken Mann markieren noch etwas konsumieren, um sich wohlzufühlen. (Manchmal musste er sich in ekelhaften Dingen wälzen, aber das ist eine andere Geschichte!)
Er machte kein Aufheben um sich selbst, brauchte keine große Schar von Schülern, musste nicht der Mittelpunkt irgendwelcher exotischen Rituale sein, brauchte auch keine mit Brillanten besetzte Armbanduhr, sondern nur eine Decke, einen Napf und einen Ball – kurz gesagt: Er hatte ein sehr gesundes Selbst, aber eben kein übersteigertes Ego. Und er lehrte stets durch sein eigenes Beispiel und recht handfeste Taten, die definitiv im Gedächtnis blieben. Wenn dabei manchmal der eine oder andere Einrichtungsgegenstand zu Bruch ging, geschah dies alles stets zu meinem Besten!

Wie würden Sie die Art Ihrer Schüler-Meister-Beziehung definieren?
Wie schon erwähnt, akzeptierte Bobba nur Freundschaft. Das war alles, was für ihn zählte – und so war ich niemals so etwas wie sein „Herrchen“ oder sein „Besitzer“. Ich war sein Freund, Spielkamerad und Weggefährte. Und in einer solchen Art von Beziehung lernt man immer voneinander, wobei ich zugeben muss, dass ich weit mehr von ihm lernte als er von mir. Er ruhte völlig in sich selbst und ich tat das damals sicher nicht. Während ich versuchte zu meditieren, tat er es einfach. Während ich versuchte, ich selbst zu sein, lebte er jeden Tag ganz selbstverständlich sein wahres Selbst. Während ich noch suchte, interessierte ihn das ganze Konzept von „Suchen und Finden“ erst gar nicht. Wie Yoda, ein anderer eher ungewöhnlicher Meister, sagt: „Tue es oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“ So hätte Bobba es bestimmt auch ausgedrückt. Schlafen, essen, spielen; mit jemandem Zeit verbringen, den man wirklich gern hat; vorbehaltlos, offen und freundlich der Welt begegnen – das war in groben Zügen eigentlich alles, was er tat. Aber wie er es tat, war das, was für mich die größte Lehre war.

Sie sagen, dass Bobba Ihnen beigebracht hat, dass man freundlich zu sich selbst  sein kann und Blödsinn auf dem spirituellen Weg machen darf. „Ein warmes Herz hatte Bobba auf jeden Fall“ schreiben Sie. Wie hat Bobba Ihnen dieses Wohlwollen sich selbst gegenüber beigebracht?
Zen kann in manchen Fällen dazu neigen, etwas gefühlskalt zu wirken. Manche Menschen möchten das scheinbar gerne so haben, da sie das Zen dazu benutzen, den Abstand zur Welt nicht etwa zu verringern, sondern eher noch zu vergrößern. Eine objektive Beobachterrolle wird dann allzu sehr glorifiziert, man wird zum Satelliten, der die Welt nur umkreist und teilnahmslos betrachtet. Aber ich denke, wahres Zen lässt sich völlig ein, lässt sich vollständig ergreifen, ist wahrhaft Teil der Welt. (Wenn man die Gedichte Ryokans liest, findet man ebenso dieses bedingungslose Einlassen.) Bobba hatte sein Herz weit geöffnet, für alles und jeden. Da gab es keinen Abstand, sondern nur etwas, das man vielleicht als „wirkliche Intimität mit allem, was ist“ bezeichnen könnte. Dazu gehört dann auch, das Herz für sich selbst zu öffnen, für all die Eigenheiten, die man so hat, für all die Irrwege, die man schon gegangen ist, für all die Narben, die man mit sich herumträgt. Man begegnet sich selbst mit großem Wohlwollen, weiß um die eigenen Schwächen und Schatten, und versucht wie alle anderen auch, ganz einfach seinen Weg zu gehen. Bobba war sicherlich nicht perfekt im Sinne eines „funktionierenden“, bestens erzogenen Hundes, aber er war in sich vollkommen, in aller Unvollkommenheit vollkommen. Meine eigene Unvollkommenheit ist mir seit meinen Jahren mit ihm weitaus sympathischer geworden, was mich sehr viel zufriedener und auch friedlicher gemacht hat.

„Er lebte mir vor“, schreiben Sie, „wie es ist, sich selbst zu vergessen, dann auch den Weg zu vergessen und nur noch zu sein.“ Wie hat Bobba Sie zu diesem Erlebnis geführt?
Wenn ich ihm dabei zusah, wie er zufrieden schmatzend unter einem Baum lag und die Spatzen und Amseln sowie die Blätter im Wind beobachtete, wie er ganz in die ihn umgebende Welt „hineinschmolz“, dann bekam ich eine Ahnung davon, was es heißt, sich selbst zu vergessen. Ich konnte von Zeit zu Zeit die Filter meiner Wahrnehmung beiseitelegen, und die Mauern, die wir wohl alle um unsere Herzen errichten, Stein für Stein abtragen, der Welt wie er immer näher kommen. In diesen Momenten gab es keine Bezeichnung mehr für die Dinge, sondern nur noch DAS. Das, was ist. Namenlos, hier und jetzt. Und so konnte auch die Bezeichnung eines Weges wegfallen, sei es nun Zen oder Mystik. Meditation beginnt wahrscheinlich dort, wo wir nicht mehr meditieren – also dort, wo wir nicht mehr aktiv sind, sondern wo wir uns meditieren lassen, wo wir Meditation sind. Genauso beginnt Zen dort, wo wir den Begriff vergessen, und Leben dort, wo wir nicht mehr über den Sinn und Zweck desselbigen nachgrübeln, sondern uns der Strömung des Lebens mit allen Sinnen hingeben.

Welches waren im Nachhinein die größten Herausforderungen (persönlichen Schwierigkeiten, die Sie zu überwinden hatten) auf dem Weg des „bobbischen Zen“?
Nun, all das, was ich in diesem Interview erzählte, hat sich nicht über Nacht ergeben. Ich glaube, ich war ein eher begriffsstutziger Schüler, weshalb Bobba ja auch zu rabiaten Mitteln griff, wie mich im Park mit einem riesigen Stock k.o. zu schlagen. Ich hatte diesen intellektuellen Abstand zur Welt und war auch noch irgendwie stolz darauf. Da brauchte es schon den einen oder anderen Hieb vom Leben, um zu Besinnung zu kommen … Anders ausgedrückt: Für viele Menschen ist wohl die Strecke vom Kopf zum Herzen recht lang. Sind es physisch auch nur einige Zentimeter, so kann das Zurücklegen dieser Strecke im übertragenen und weit bedeutungsvolleren Sinne doch ein ganzes Leben dauern. Ich hatte dazu die Hilfe eines vierbeinigen Meisters, der sich von morgens bis abends gefreut hat und dieser Freude auch immer direkten Ausdruck verlieh, sodass selbst ein notorischer Grübler wie ich „aufbrach“. Und dafür bin ich mehr als dankbar.

Welche letzten Lektionen hat Bobba Ihnen am Ende seines Lebens (über die Trennung, den Tod und das leider notwendige Einschläfern) gegeben?
Bobba kam wie plötzlich vom Wind gebracht in meine Welt – und dieser Wind nahm ihn eines Tages wieder mit sich. Er atmete ein letztes Mal aus und verschwand. Er hatte keinen Besitz angesammelt, kein Aktien-Depot, keine Immobilien, er hatte keine Bücher geschrieben und keine Sinfonien komponiert, aber er hinterließ eine deutliche Spur in meinem Herzen und in den Herzen derjenigen, die ihn kennengelernt hatten. Insofern wurde mir spätestens bei seinem Abschied klar, was wirklich wesentlich in diesem Leben ist. Dass es um einfache Dinge geht: ehrlich zu sein, zu lieben, sich zu freuen, freundlich und offen zu sein, die Schlappohren im Wind flattern zu lassen.
Und darüber hinaus wurde ich mir auch der tragischen Verantwortung bewusst, einem Freund, dessen Schmerzen ihn an allem hindern, was er mag, zur Seite zu stehen – und wenn es hart auf hart kommt, hier auch aktiv einzugreifen. Fast jeder Hundefreund wird irgendwann an diesem Punkt ankommen, an dem die Lebensqualität seines vierbeinigen Freundes in keinster Weise mehr gegeben ist. Dann muss man sich fragen, ob man den Hund am Leben hält, weil es gut für den Hund ist, oder weil man ihn nicht ziehen lassen, nicht loslassen will. Bei Bobba schien es mir auch in diesen letzten Augenblicken darum zu gehen, von mir selbst abzusehen, meinen egoistischen Wunsch, ihn für immer an meiner Seite zu haben, beiseitezuschieben und ihn gehen zu lassen. Er hatte alles gegeben, was er zu geben hatte und schien sich ohne jede Angst in eine andere Welt zu begeben bzw. einfach ein anders gearteter Teil dieser Welt zu werden. Ich glaube, dass ich, wenn eines Tages mein Abschied nah ist, an ihn denken werde: Einfach sein, ausatmen, und zufrieden damit sein, etwas anderes zu werden.

Sie haben vor Kurzem ein Buch geschrieben, in dem Sie dazu auffordern, als Alltagsmystiker zu leben. Sind Sie der Meinung, dass Bobba Ihnen die Idee irgendwie zugeflüstert hat?
Ein Hund teilt sein Leben im Gegensatz zu uns Menschen nicht auf. Er macht nicht in der Woche seinen Job und ist dann am Wochenende für ein paar Stündchen spirituell. Für einen Hund ist das Leben ein einziges Schnuppern, Erfahren, Rennen und Spielen – es ist ungeteilt und eins mit allem. Der Hund ist ständig in Beziehung zum Leben und muss sich nicht bemühen, diese Beziehung aufrechtzuerhalten. Von daher ist er der Prototyp des Alltagsmystikers (und daher gibt es auch ein paar neue Hunde-Anekdoten in diesem neuen Buch). Und so könnte ich sagen: Ja, Bobba hat es mir in gewisser Weise zugeflüstert, mich schon vor Jahren auf diese Spur gesetzt. Wobei sein Flüstern jedoch meist darin bestand, mich dazu aufzufordern, stundenlang einen Ball zu werfen – und zwar immer so, als wäre es das erste Mal, dass ich das tue. Ganz hier, ganz in diesem Augenblick, ganz in Kontakt, immer wieder neu, immer ganz frisch. Diese Grundhaltung des Anfänger-Geistes trägt mich und prägt die Wahrnehmung meines heutigen Alltags, der mich vor allem zu diesem neuen Buch inspiriert hat: Lilly und Baldur, die beiden Hunde, die jetzt bei uns leben und die unterschiedlicher nicht sein könnten, meine Kinder und ihre Fragen, der inspirierende Austausch mit meiner Frau, der Kontakt mit vielen verschiedenen Menschen und ihren jeweiligen Schicksalen, das Beobachten meiner eigenen emotionalen Reaktionen und letztlich natürlich auch meine meditative Praxis, die weiterhin jeden Tag freier und freier wird.

Haben Sie manchmal mit Bobba an Ihrer Seite davon geträumt, ein Hund zu sein?
Manchmal wäre ich schon gern so schnell, so wendig und so ausdauernd gewesen wie er, aber im Großen und Ganzen war ich mit meiner Rolle als menschliche Ballwurfmaschine ganz zufrieden … Es gibt ja oft diese Idee, jemand anderer oder etwas anderes sein zu wollen, doch letztlich glaube ich, dass wir genau als diejenigen auf die Welt kommen, als die wir zu unserer Zeit gebraucht werden. Wie kleine Mosaiksteinchen machen wir das große Bild bunt – Bobba als Bobba, ich als ich und Sie als Sie. Ohne unsere ganz eigene Persönlichkeit, ohne unsere Eigenarten, ohne unsere Tränen und unser Lachen fehlt der Welt etwas.

Vielen Dank!
Ich bedanke mich auch. Hat mir sehr viel Freude gemacht, Ihre Fragen zu beantworten.

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Als Schriftstellerin und Journalistin wirkt Nathalie Calmé regelmäßig an den Zeitschriften Sources und Questions de sowie am Magazin Le Monde des Religions  mit. Sie hat mehrere Sammlungen von Gesprächen mit Jean-Marie Pelt und Sœur Marie Keyrouz (Manifeste pour la beauté du monde*, Le Cherche Midi), Isabelle Autissier, Pierre Rabhi, Edgar Morin usw. (Guérir la Terre**, Albin Michel) veröffentlicht.
Vielen Dank auch an die Übersetzerin Lise Deschamps, ohne die dieses Interview nicht möglich gewesen wäre!


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Interview Spirit Online / Der Sinn des Lebens (September 2016)

Jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens in die Verlegenheit, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Macht es überhaupt Sinn, sich über den „Sinn“ des Lebens Gedanken zu machen? Hilft Spiritualität als Quelle persönlicher Erkenntnis, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen?

Sokrates meint in seiner Apologie, dass ein Leben ohne Selbsterforschung nicht lebenswert sei. Das klingt erstmal nach einem harten Urteil, das vielleicht auch ein bisschen arrogant erscheinen mag. Schließlich ist der Philosoph der professionalisierte Selbsterforscher – was soll er also anderes sagen?! Aber ich kann mir ein Leben ohne Selbsterforschung auch nur schwerlich vorstellen. Oder sagen wir es so: Es ist bestimmt möglich, sich keine Gedanken über sich selbst und den Sinn seiner Existenz zu machen, aber die Reise nach innen, das Erforschen des eigenen Daseins, der Versuch, sich selbst zu verorten und zu verstehen, stellt für mich eine enorme Bereicherung dar, bei der ich mich selbst und auch mein Verhältnis zur Welt klarer sehe. Somit ergibt es für mich schon Sinn, nach dem Sinn zu fragen. Allerdings sollte man gut achtgeben, dass man sich nicht in diese Frage verrennt, sie zum Selbstzweck erhebt und somit zum ewig rastlosen Sucher wird. Das passiert vor allem, wenn man meint, dass dieser Sinn irgendwie vom Himmel fallen würde und vorgefertigt irgendwo herumliegt, bis wir ihn dann finden. Wenn wir so denken, werden wir ständig weiter suchen, von einer Tradition in die nächste hüpfen und immer hoffen, dort nun endlich das zu entdecken, worum es uns geht. Spiritualität kann eine große Hilfe sein, sie kann uns inspirieren und überhaupt erst auf diese wichtige Reise schicken. Aber keine Tradition hält die eine Antwort bereit, die alle unsere Fragen löst. Ich denke, eine gute und reife Spiritualität schickt uns daher zurück zu uns selbst und zeigt uns auf, dass wir es sind, die diesen Sinn für uns erschaffen müssen. Sokrates, Buddha, Laotse, Jesus –alles super Typen, die ihren eigenen Sinn für sich gefunden hatten … Wenn wir ihnen nur hinterherstolpern und versuchen, ihren Sinn zu dem unsrigen zu machen, wird das meines Erachtens jedoch nicht funktionieren und wäre sicher auch nicht in ihrem Sinne. Ich glaube, alle großen Gestalten der antiken Philosophie (als Philosophie noch als Lebenskunst verstanden wurde) und der Spiritualität richten mit ihrem ganzen Sein und Wirken eine Frage an uns: Was sagst du dazu? So betrachtet, liefert Spiritualität uns nicht einen Sinn, sondern hält uns dazu an, tiefer zu forschen, uns gleichsam in uns selbst und die Welt zu versenken und dann unsere ganz eigene Antwort, unseren ganz eigenen Sinn hervorzubringen.

Du hast dich mit der Stoa (z.B. Seneca, Marc Aurel) und mit Epikur (Philosophie der Freude) beschäftigt. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt. Kannst du eine Quintessenz, basierend auf deinen Erkenntnissen zum Sinn des Lebens und Spiritualität mitteilen?

Wenn man die Stoa so kurz zusammenfasst, besteht die Gefahr, dass man den Eindruck gewinnt, ihr Ziel sei der absolute Fatalismus gewesen. Emotionale Selbstbeherrschung, sein Los akzeptieren – das klingt doch alles sehr passiv und schicksalsergeben. Manchmal wird auch der Zen-Buddhismus so aufgefasst: Sich hinsetzen, den Mund halten und zu einem emotionslosen Stein werden. Für mich ist das ganz und gar nicht so, und du hast auch schon das Wort erwähnt, um was es mir geht: Gelassenheit. Das ist im Deutschen von Meister Eckhart geprägt worden, einem christlichen Mystiker des 14. Jahrhunderts. Und was er damit meint, trifft genau das, worum auch die Stoa und auch das Zen sich bemühen: sich selbst und alle Bilder lassen! Also sich selbst nicht so wichtig nehmen, sich selbst nicht als Zentrum des Universums begreifen, seine eigenen Pläne nicht als Absolutes ansehen, die eigenen Selbstbilder immer wieder hinterfragen (oder gleich ganz beiseite schmeißen), die Vorstellungen, die man sich von sich selbst und der Welt gemacht hat, einfach mal vergessen. Sich selbst nicht durch Rollen und Masken begrenzen, sondern Raum geben. Widersprüche in sich zulassen. Die Dinge sehen, wie sie sind, und nicht, wie wir sie uns wünschen. Sich in dem, was ist, entspannen. Dann kehrt die von dir ebenfalls genannte Seelenruhe ein, die Weisheit überhaupt erst ermöglicht. Von diesem Punkt aus können wir auf eine gute Weise handeln, indem wir nicht nur reagieren (aus unseren Vorstellungen und Wünschen heraus), sondern tatsächlich agieren. Frisch und unbeschwert.
Es geht also nicht darum, seine Emotionen zu unterdrücken und alles so hinzunehmen, wie es kommt, sondern so frei zu werden, dass man Ereignisse  entweder annehmen kann, weil man merkt, dass die eigenen Wünsche diesbezüglich nicht das Maß aller Dinge sind (das gilt z.B. für Unabänderliches wie den Tod), oder aber sie ohne destruktive Wut oder gar Hass aktiv zu verändern (was sich z.B. auf die eigene Lebensweise, aber auch auf soziale und politische Zusammenhänge bezieht). Man gibt sozusagen sich selbst und auch der Welt und ihren Geschehnissen einen gewissen Freiraum, in dem sowohl Entfaltung als auch Veränderung möglich sind. Dann hat auch Epikurs Freude ihren Platz, ohne die es doch ziemlich öde wäre.

 

Die Fähigkeit glücklich zu leben, kommt aus einer Kraft, die der Seele innewohnt. Dieser Satz ist ein Zitat von Marc Aurel aus seinem berühmten Buch der Selbstbetrachtungen. (Römischer Kaiser, 26. April 121 n. Chr. –  17. März 180 n. Chr.) In unserer Zeit scheint der Zugang zu dieser Quelle immer schwieriger zu werden. Scheitert der Mensch an der Sinnsuche und seiner persönlichen Sinnfrage, weil das Glück sich nicht im Inneren finden lässt?

Ich denke, zwei Dinge machen es schwierig, Zugang zu dieser Quelle zu finden. Zum einen ist es der Lärm der Welt, wobei ich damit nicht nur die Rund-um-die-Uhr-Beschallung mit Werbung und mehr oder weniger irrelevanten Informationen meine, sondern auch den Lärm, den wir mit unseren Gedanken selbst produzieren. Das ständige Kreisen um Selbstbilder, und das Abwägen, ob sich dieses oder jenes lohne, die permanenten Selbstgespräche, die Selfies des Denkens. Und zum anderen halten uns unsere Ansprüche von der inneren Quelle fern. In deiner Frage taucht das Wort Glück auf – und dieses Wort ist in den letzten Jahren so dermaßen inflationär benutzt worden, dass wir offenbar völlig das Verhältnis dazu verloren haben. Jeder will glücklich sein, jeder will glücklich wirken (weil unglücklich sein total out ist und der Karriere schadet), jeder möchte, dass ihm – sorry! – die Sonne aus dem Arsch scheint. Jeder möchte 24 Stunden am Tag ein Feuerwerk der guten Laune und breit grinsend durch die Gegend laufen. Aber natürlich ist das Leben so nicht, auch wenn uns Werbespots, manche Zeitschriften, B-Promis und oft genug auch die spirituelle Szene das gern weismachen möchten!
Vor ein paar Jahren hatte ich mal ein Manuskript vorbereitet, in dem es um Zufriedenheit ging. Und der Verlagschef, dem ich das anbot, sagte zu mir: „Zufriedenheit reicht den Leuten nicht. Die wollen mehr!“ Tragischerweise hat er damit recht. Und deshalb sind so viele Menschen unglücklich. Weil sich ihre Ansprüche, ihre Vorstellungen, wie das Leben erfahren werden sollte, nicht verwirklichen lassen. Und außerdem kleistern diese Ansprüche den Zugang zu unserer inneren Quelle förmlich zu. Wir suchen das ganz große, rosafarbene Glück mit Glitzersternchen, dessen Intensität niemals nachlässt, und übersehen dabei das, was uns wirklich zufrieden machen könnte. Was uns inneren Frieden schenken könnte. Da wäre es vielleicht gut, Marc Aurel zu folgen und uns auf unsere Seele zu besinnen, um herauszufinden, was dieser Seele Ruhe schenkt. In dieser Ruhe kann Zufriedenheit wachsen und uns erfüllen. Das ist unter Umständen weniger spektakulär als das überall propagierte Glück, hält dafür aber auch länger.

Gibt es aus deiner Sicht und Erfahrung eine Botschaft, die du der Menschheit ans Herz legen würdest?

Ich sehe mich eigentlich nicht in der Position, der Menschheit eine Botschaft ans Herz legen zu können. Doch die Selbsterforschung als Teil einer umfassenderen meditativen Praxis, die insgesamt zur Gelassenheit und zur Seelenruhe führt, wäre wohl allgemein eine gute Empfehlung. Wenn ein solcher Zugang ein mehr anerkannter und in der Mitte der Gesellschaft verankerter Weg wäre, hätten wir viel gewonnen. Ich denke, mit dieser Praxis könnte es uns gelingen, die Welt mit neuen Augen zu sehen, wieder mehr über das Wunder des Lebens zu staunen und dafür dankbar zu sein. Diese Herangehensweise würde uns wieder bewusst machen, dass wir Teil eines großen, das ganze Universum umspannenden Kreises sind – und wir würden vielleicht uns selbst und alle anderen Wesen mehr schätzen. Das wiederum würde uns möglicherweise davon abhalten, weiterhin unsere eigene Lebensgrundlage und die aller anderen Wesen auf dieser Erde zu zerstören.

 

Der Sinn des Lebens besteht darin glücklich zu sein. Sagt der Dalai Lama. Und wie werden wir glücklich?

Da musst du wohl den Dalai Lama fragen … 🙂  Obwohl ich ihn sehr schätze, halte ich es, was den Sinn des Lebens angeht, eher mit Robert Louis Stevenson. Der hat nicht nur die besseren Piratengeschichten geschrieben, sondern auch Folgendes gesagt: „Zu sein, was wir sind, und zu werden, was wir werden können, ist der einzige Sinn des Lebens.“ Darin finde ich die schon genannte Gelassenheit und ebenso die Bereitschaft, sich zu entwickeln, zu lernen und zu wachsen. Das inkludiert für mich Zufriedenheit und eine weite Sicht auf uns selbst und die Welt.

(Ursprünglich erschienen auf www.spirit-online.de. Noch einmal vielen Dank für eure tollen Fragen!)


KGS Bremen: Quellen der Kraft (August 2016)

Ruth Haselwander vom KGS Bremen Magazin hat ein Interview mit mir zum Thema "Quellen der Kraft" geführt.
Insgesamt dreht sich die neue Ausgabe des Magazins um die Liebe - und versammelt wie üblich viele tolle Artikel. Wenn Ihr also die Möglichkeit habt, Euch ein Heft zu besorgen: Es lohnt sich!
Und hier das komplette Interview:

Was gibt Dir Kraft?
Vor allem das Gefühl, verbunden zu sein, ein Teil dieser unglaublichen Welt zu sein. Zu atmen und die Bäume und das Meer zu schmecken, erreicht zu werden vom Wind aus dem Himalaya und dem Senegal, mich in einer Einheit mit allem, was lebt, zu wissen. Und neben diesen großen Zusammenhängen die vielen kleinen Segnungen: gute Freunde, gutes Essen, wunderbare Kinder, lustige Hunde, eine echte Partnerin an meiner Seite, auf der Veranda sitzen und in eine stille Landschaft schauen, Sex, Meditation, Sport, Musik, die mein Herz berührt … Ich bin für vieles in meinem Leben dankbar – und das erfüllt mich mit Kraft.

Magst Du einen Moment aus Deinem Leben beschreiben, in dem Du voller Lebenskraft warst?
Da fällt mir spontan eine Nacht in Andalusien ein. Der Sternenhimmel so klar, die Milchstraße deutlich zu erkennen – und mein Staunen so groß, dass ich selbst verschwunden bin, mich in gewisser Weise im Beobachten aufgelöst habe. Da waren dieses tiefe Staunen, die daraus folgende Dankbarkeit und ein Gefühl, vom Leben selbst angerührt zu werden. Das Ego tritt einen Schritt beiseite - und daher gibt es mehr Raum für Lebendigkeit.

Wie gelingt es Dir, Deine Kraft zu halten?
Da gibt es für mich zwei Aspekte: Natur und Kultur. Ein Tag im Wald belebt mich ebenso wie eine Meditation in der Krypta einer romanischen Kirche oder das Erleben wirklich gut gemachter Live-Musik. Der würzige Geruch des Waldes, der weiche Boden unter meinen Füßen, die Geräusche der Tiere und des Windes, das Eintauchen in einen steinernen Raum, in dem seit mehr als tausend Jahren des Göttlichen gedacht wird, das Fühlen von Rhythmus, von Bass und Schlagzeug – das sind wesentliche Dinge des Lebens für mich, für die ich mir immer wieder Zeit nehmen möchte.

Was inspiriert Dich?
Kinder, Hunde, die ganz normalen Begegnungen des Alltags, das Aufscheinen echter Menschlichkeit, die nette Verkäuferin beim Bäcker, gute Gespräche, die unterschiedlichen Teilnehmer an meinen Seminaren, auch mal ein Facebook-Post. Aber natürlich auch Bücher: japanische und chinesische Gedichte, amerikanisches nature writing, die mystischen Traditionen. Und ganz besonders das Zusammensein mit meiner Frau. Zu spüren, dass man wirklich geliebt wird, das Wesentliche miteinander zu teilen, ist eine große Inspiration und ein großes Geschenk.

Was fällt Dir zu LIEBE ein?
Liebe ist für mich das, was uns wirklich aufbricht. Liebe macht uns nackt, schutzlos und verletzlich – gleichzeitig ist sie eine Quelle großer Kraft. Wenn du wirklich liebst, dich wirklich auf einen Menschen einlässt, wird dein Herz immer weiter. So weit, dass mehr als dieser eine Mensch darin Platz hat. Dann wird dein Herz zu einer großen, schützenden Halle, in der Pappelfeigen, Buckelwale, Gummistiefel in Größe 24, rote Pandas, dreibeinige Hunde und der Fremde an der Bushaltestelle dich wirklich berühren – und sein können, was sie sind.


Doris Iding: Vom Glück der kleinen Dinge / Der Buddha auf vier Pfoten (Juni 2016)

Mit Doris Iding spreche ich immer wieder gern. Hier hat sie mich für ihren tollen Blog "Vom Glück der kleinen Dinge" zu meinem Buch "Der Buddha auf vier Pfoten" befragt. Schaut euch ihren Blog mal an - dort finden sich viele großartige Artikel ...
Und hier nun das Interview, das sie mit mir geführt hat:

 

Wer einen eigenen Hund hat, der weiß, wie viel wir von ihnen lernen können. So erging es mir auch mit "Roshi", einem entzückendem Parson Jack Russel, der mich 9 Jahre meines Lebens begleitet hat. Auf diesem Blog habe ich bereits über ihn geschrieben. Er war mir ein großer Lehrmeister und bescherte mir viele Glücksmomente und fehlt mir sehr!
Dirk Grosser besaß ebenfalls einen Hund, der ihn viel über das Leben und das Sein lehrte. In seinem Buch "Buddha auf vier Pfoten" hat der die Erfahrungen über die gemeinsamen Jahren beschrieben. Ein wunderschönes Buch. Witzig, intelligent und humorvoll geschrieben. Ich glaube, jeder Hundebesitzer wird sich darin wiedersehen.
Was Dirk mit seinem Hund alles erlebt hat und warum es sich lohnt, das Buch zu lesen, erfahrt ihr in dem Interview mit Dirk!

Dein Buch hast du deinem Buddha auf vier Pfoten gewidmet. Was hat dich dein Hund am meisten gelehrt?

Er hat mich wirklich so viel gelehrt, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll ... Aber die wichtigsten Dinge waren wahrscheinlich Geduld und dazu eine Haltung, die sich selbst nicht allzu ernstnimmt, und letztlich Zufriedenheit. Geduld lernt wohl jeder Hundefreund als erstes, denn dem Himmel sei Dank „funktionieren“ Lebewesen nun einmal nicht so, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Jeder Hund hat seinen eigenen Charakter, seinen eigenen Kopf und macht Dinge, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Er ist kein Roboter, dem man Befehle eingibt, auch wenn manche Hundehalter das gern so hätten. Du musst dich darauf einlassen und Dinge auch mal so hinnehmen, wie sie geschehen. Der Hund macht irgendwelchen Blödsinn, zerlegt deine Couch, frisst deine Trommel, verteilt den Inhalt des Mülleimers in der ganzen Wohnung – und du findest es einfach zauberhaft. Auf eine seltsame Weise …

Der Hund zerlegt nicht nur deinen Besitz, sondern auch einen Teil deines Selbstbildes. Er ist anders als du, definitiv kein Zwangsneurotiker, was Ordnung angeht – und entweder du lässt dich auf dieses Tier ein oder beide, Halter und Hund werden unglücklich. Bobba hat mich oft der Lächerlichkeit preisgegeben und das hat mir letztlich gut getan, auch wenn ich das in dem jeweiligen Moment vielleicht anders gesehen habe. Hunde haben keine Idee von sich selbst, keine Vorstellung, wie sie zu sein haben, was sie darstellen sollen usw. Sie sind einfach – und irgendwie bringen sie dich dahin, auch deine Vorstellungen von dir selbst zu hinterfragen, dich nicht mehr so bierernst zu nehmen, dir selbst nicht mehr alles zu glauben, was du so denkst. Dann merkst du, dass du zufriedener wirst, weil Zufriedenheit ausreicht. Der Hund ist glücklich mit dem, was er hat, mit dem Augenblick, der sich zeigt. Wenn man lange mit Hunden zusammen ist, färbt das ein bisschen ab, glaube ich. Und das wirkt sich auch auf den spirituellen Bereich aus. Auch dort ist Zufriedenheit ein wunderbarer Zustand, der nicht mehr nach Erleuchtung oder irgendeinem anderen Feuerwerk der guten Laune strebt. Der nichts mehr hinterherrennt außer vielleicht einem Ball …

Worin bestand für dich das Glück der kleinen Dinge mit diesem Hund?

Einem echten Lebenskünstler beim Genießen des Augenblicks zuschauen zu dürfen, war immer eine Freude. Bobba schien immer glücklich. Ganz gleich, was geschah – er hat sich nie die Laune verderben lassen. Ich erinnere mich an so viele Momente mit ihm, ganz einfache Kleinigkeiten: Ball spielen, um einen Ast kämpfen, zusammen am Bach sitzen und über kleine Fische und Kaulquappen staunen, zum zehnten Mal irgendwo die neu gekaufte Frisbee verbuddeln und nicht mehr wiederfinden, durch den Schnee rennen (und jede Menge davon fressen), lange Wanderungen machen und das Butterbrot miteinander teilen …

Ich glaube, mit jedem echten Freund kann man diese kleinen Momente des Glücks erleben, wenn man gelernt hat, auf sie zu achten. Nur hatte einer meiner besten Freunde eben einfach vier Beine statt zwei.

Warum sind Hunde deiner Ansicht nach besonders gute Lehrer?

Sie geben ihre Weisheiten ohne jedes Brimborium preis, einfach so, ganz nebenbei. Zudem benutzen sie dabei keine Worte, sodass du daraus keine festgeschriebene Lehre basteln kannst. Sie sind eher Koans auf vier Beinen, zeigen dir das Rätsel, das Mysterium, das Staunen und die Freude – und wollen nur mit dir gemeinsam alles betrachten und nicht philosophisch ergründen. Das ist ziemlich erholsam.

Menschliche Machtverhältnisse interessieren sie ebenfalls nicht die Bohne, sie wollen einfach mit dir befreundet sein. Und manchmal hat man das Gefühl, sie wüssten ganz genau, was du möchtest – um dann genau das Gegenteil zu tun. Auch das kann eine große Lehre sein, weil du merkst, dass das Leben sich einfach auf seine Weise entfaltet und nicht so, wie du dir das vorstellst. Wunschzettel sind vielleicht beim Weihnachtsmann gut aufgehoben – ein Hund wird sie einfach zerfetzen. Weil das mehr Spaß macht!

Warum glaubst du, lieben Menschen Hunde so sehr?

Hunde sind schon so lange Gefährten des Menschen, wahrscheinlich schon mindestens 12.000 Jahre, manche Forscher sprechen auch von 30.000 Jahren. In all dieser Zeit waren sie treu an unserer Seite, haben auf uns und unser Vieh aufgepasst, haben uns bei der Jagd begleitet, haben als Rettungshunde gearbeitet und vieles mehr. Alle Hundefreunde, die ich kenne, wissen ganz genau, dass sie sich absolut auf ihren Hund verlassen können. Das ist sicher ein Aspekt. Aber das Wichtigste scheint mir zu sein, dass Hunde völlig bedingungslos lieben – und dass diese Tatsache eine Zuneigung in uns auslöst, die ihresgleichen sucht. Hunde interessieren sich nicht für dein Aussehen, deinen Body-Mass-Index oder dein Bankkonto. Sie wollen dich als Freund, so wie du bist. Du kannst jede Maske beiseitelegen, jede gesellschaftliche Rolle aufgeben, einfach der sein, der du bist. Auch auf die Gefahr hin, dass es vielleicht ein wenig kitschig klingen mag: Hunde haben ein riesiges, offenes Herz – und das bringt dich dazu, dein Herz ebenfalls zu öffnen und weit werden zu lassen.

Du hast ihn „Buddha auf vier Pfoten“ genannt. Was gefällt dir somit an Buddha? Warum nicht „Jesus auf vier Pfoten“?

Jesus und Buddha sind für mich zwei gleichermaßen wichtige Lehrer. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte, doch für mich scheint bei beiden letztlich eine große Sache auf: Menschlichkeit! Und darin ergänzen sie sich auf wunderbare Weise.

Als Bobba bei mir lebte, war ich hauptsächlich am Buddha-Dharma interessiert und deshalb habe ich ihn wahrscheinlich eher mit einem Buddha identifiziert als mit einem christlichen Lehrer. Er hatte diese ruhige Art und oft diesen Ausdruck im Gesicht, den man auch bei Buddhastatuen sieht: ein feines Lächeln und die Augen auf Halbmast. Hunde sind Meister der Entspannung – und daher war die Assoziation mit einem Buddha für mich immer naheliegend. Aber die bedingungslose Liebe, das Annehmen jedes Menschen, so wie er ist, hätte ich auch gut mit den Lehren Jesu verbinden können.

Vermutlich spielt es auch eine Rolle, dass Bobba so ein lustiger Kerl war. Zwar haben die christlichen Wüstenväter auch Humor zu bieten, aber die Zen-Geschichten und Anekdoten von Ryokan, Hanshan oder Joshu Jishin sind doch um einiges lustiger. Das waren weise Narren – und Bobba war für mich ein ebensolcher Narr. Ein wunderbarer, liebenswerter, lebenskluger Verrückter.

Du hast derzeit zwei Hunde. Was lehren sie dich?

Wenn ich an die beiden denke, könnte ich direkt ein weiteres Buch schreiben: „Yin und Yang auf acht Pfoten“ oder so. Sie sind unglaublich unterschiedlich und dazu auch noch schwarz und weiß. Baldur, der Rüde, ist ein englischer Gentleman – unglaublich sanft, zurückhaltend, elegant und pfeilschnell. Lilly, unsere Hündin, ist dagegen ein Bulldozer mit Fell – immer mit dem Kopf durch die Wand, mit eher kompaktem Erscheinungsbild, oft brachial, dazu gerne furzend und rülpsend. Ein wirklich einzigartiges Paar!

Beide kommen aus sehr schlechter Haltung, wobei Baldur ungefähr anderthalb Jahre gebraucht hat, um sich davon zu erholen und sich wieder zu öffnen, während Lilly nach zwei Tagen grinsend durchs Haus sprang. Beide sind nun fröhliche Hunde und das zeigt mir, dass es immer einen Neuanfang geben kann. Darüber hinaus lehrt Baldur mich, dass Sanftheit und Kraft sich keinesfalls ausschließen. Er geht mit allen Dingen ganz vorsichtig um, ist ungeheuer lieb zu den Kindern, hat auch kein Problem damit, dass Playmobilfiguren auf ihm herumlaufen und ihn als „schneebedeckten Berg“ benutzen. Doch wenn jemand das Grundstück betritt, den er und ich nicht kennen, dann kann er auch ein ganz anderes Gesicht zeigen. Ich kann wirklich nur jedem davon abraten, hier einbrechen zu wollen …

Lilly zeigt mir dagegen, wie man gut für sich sorgt. Sie lässt es sich gut gehen, genießt jede Minute ihres Lebens, freut sich wie verrückt, wenn es etwas zu fressen gibt, und ist einfach trotz aller gescheiterten Erziehungsversuche der unproblematischste Hund, den ich kenne. Einfach, weil sie von Natur aus fröhlich, lieb und unkompliziert ist.

Und das die beiden so gut miteinander auskommen, obwohl sie von unterschiedlichen Planeten zu stammen scheinen, ist natürlich auch eine große Lehre.

Worin besteht für dich im Zusammenleben mit ihnen das Glück der kleinen Dinge?

Ich denke, es ist das Zusammenleben als Ganzes. Die Tiere um mich haben, sie jeden Tag als Mitbewohner und gute Freunde zu erleben, mit ihnen lange Spaziergänge zu machen, sie zu beobachten, wenn sie alle zwei Sekunden etwas unfassbar Aufregendes entdecken, zu sehen, dass sie sich wohlfühlen. All das ist auch Teil meines Glücks. Da ist dann noch das Erleben von Anmut und Schönheit, wenn Baldur nach einem Ball rennt – und ebenso die niedlichen Momente, wenn er seinen Plastikigel ganz vorsichtig auf seine Decke trägt, um ihn dort zwischen seinen Vorderpfoten zu bewachen. Und ganz besonders ist es der abendliche „Pansentanz“, den Lilly aufführt, wenn sie abends ihre letzte Runde gedreht hat und ganz genau weiß, dass es jetzt noch ein stinkendes Betthupferl gibt. Das tapsige im Kreis Herumspringen und das Abheben mit allen vier Pfoten vom Boden ist einfach großartig und sicherlich etwas, das für alle Beteiligten „das Glück der kleinen Dinge“ darstellt.


Interview Lazy Literature (März 2014)

Auf der provego-Messe in Darmstadt berichteten Sie von Ihrem neuen Buch "Jedes Wort kann ein Segen sein". Dort haben Sie von Ihrer Begegnung mit einem irischen Priester erzählt, der Ihre Neugier auf diese Segensworte weckte. Bitte erklären Sie den Lesern, was ein Segen ist und wie Sie dazu gekommen sind, sich so intensiv mit der Thematik zu beschäftigen, dass sogar ein Buch daraus wurde.
2007 lernte ich durch meine damalige Arbeit für einen Verlag den irischen Priester Seán ÓLaoire kennen, der mich nachhaltig beeindruckte und mit dem mich seitdem eine echte Freundschaft verbindet. Ich bin sehr froh, immer wieder von ihm lernen zu können, sei es durch persönliche Treffen, gemeinsame Seminare oder auch Telefonate und E-Mails. Einmal sagte er mir, dass die Iren auch ohne das Christentum und ohne die druidische Tradition eine reiche Spiritualität allein aus ihren Sprichworten und Segenswünschen hätten. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich intensiv mit diesen Dingen beschäftigt.
Der Segen sagt jemandem etwas Gutes zu, ermutigt ihn, baut ihn auf, wertschätzt seinen Weg. Der Segen ist mehr als ein persönlicher Wunsch, vielmehr bindet er das „große Ganze“ mit ein. Wenn wir sagen „Es möge geschehen, dass…“, dann laden wir ALLES ein, daran teilzuhaben und mitzuwirken. Das ganze Universum beteiligt sich sozusagen an diesem Guten, dass wir unserem Gegenüber wünschen. Oft tauchen in den Segen Bilder aus der Natur auf – Tiere, Pflanzen, Landschaften, das Meer – und unterstützen den Wunsch mit ihrer Kraft.
Dadurch zeigt der Segen auch immer wieder auf, wie wir in die natürliche Welt eingebunden sind, die auf tiefster Ebene vom Göttlichen durchdrungen ist.
Einen Segen zu sprechen oder zu schreiben, kann eine ebenso heilsame Erfahrung sein, wie selbst gesegnet zu werden. Es ist eine Form von Spiritualität, die einen Dialog eröffnet. Nicht nur mit dem Gegenüber, sondern mit allem, was uns umgibt.

Was war für Sie das bisher schönste Erlebnis mit den Segenswörtern?
Das war sicherlich unser Seminar 2011 in Irland. Ein wunderschönes Haus in malerischer Landschaft und eine tolle, sehr offene Gruppe, die sich ganz auf diese Erfahrung eingelassen hat. Dabei sind unglaublich bewegende Segen entstanden, die die Teilnehmer für andere und für sich selbst geschrieben haben. Ich habe neulich noch mit einer Seminarteilnehmerin gesprochen, die sagte, dass die Menschen „durch ihre schönen Worte selbst schön wurden“. Besser kann man es wohl nicht ausdrücken!

Sie bezeichnen Segensworte als die "Spiritualität der kleinen Dinge". Was verstehen Sie darunter?
Wie schon gesagt, verweisen die Segen auf das Gute in uns und den Dingen. Doch dieses Gute muss nichts „Großes“ sein. Jede Fähigkeit ist wertvoll und eines Segens würdig. Ob jemand nun den Friedensnobelpreis bekommt oder einfach Freude daran hat, für seine Familie und Freunde gut zu kochen, macht keinen Unterschied. Beides ist in sich ein Segen und kann mit einem Segen wertgeschätzt und unterstützt werden. Wenn wir diese Wertschätzung zum Ausdruck bringen, zeigen wir unsere Dankbarkeit für diese Person und ihre einzigartige Weise in der Welt zu sein. Überhaupt werden uns durch die Segenswünsche all die Dinge bewusst, die wir üblicherweise als selbstverständlich ansehen. Hier können wir wirklich viel von den alten keltischen Kulturen lernen, die für jede Alltagstätigkeit ein Segenswort parat hatten: Wenn der Kamin entzündet wurde, wenn das Essen auf dem Tisch stand, wenn es regnete, wenn die Sonne über die Felder schien. Alles wurde bedacht und gesegnet – und damit als förderlich für unseren Weg angesehen.
Der Segen entspringt einer tiefen Dankbarkeit für alles, was diese Welt für uns bereithält, von klarem Wasser und frischem Brot über Kinderlachen und Musik bis zu der Begegnung mit wilden Tieren und philosophischen Büchern… Und diese Dankbarkeit ist für mich die Wurzel meiner Spiritualität.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem Schirner-Verlag?
Jennie und ich suchten vor ein paar Jahren einen Verlag für unser Buch mit Meditationen für Kinder. Markus Schirner war dann sofort überzeugt von dem Projekt und zeigte sich auch ganz begeistert von Jennies Stimme und meiner Musik auf der dazugehörigen CD. Seine Begeisterung vermittelte uns ein wirklich gutes Gefühl, am richtigen Ort zu sein – und mittlerweile sind daraus ja einige Projekte entstanden, die vom Verlag und dem gesamten Team dort sehr unterstützt werden. Eine wirklich sehr angenehme Arbeitsatmosphäre, die sowohl Jennie als auch ich sehr wertschätzen.

Sie haben bereits mit zahlreichen Autoren zusammengearbeitet. Gab es ein besonderes Erlebnis, an das Sie sich gerne zurückerinnern?
Für mich waren vor allem die Autorentouren mit Philip Carr-Gomm und Seán sehr eindrücklich. Ich betrachte es wirklich als Geschenk, mit den beiden unterwegs gewesen zu sein, denn es gab auf diesen Touren auch immer wieder viel Raum für intensive Gespräche, aus denen ich sehr viel mitgenommen habe. Gleichzeitig hatten wir immer unglaublich viel Spaß und haben uns über völlig abstruse Situationen kaputtgelacht, die sich auf solchen Touren immer einstellen. Ich erinnere mich an Vieles gern zurück, vor allem an die Offenheit beider Autoren gegenüber anderen spirituellen Richtungen, ihre Fähigkeit, sich ganz und gar auf ihren jeweiligen Gesprächspartner einzulassen und vor 150 Zuhörern genauso engagiert zu sein wie vor drei oder vier Besuchern.
Und natürlich waren auch meine Begegnungen mit Wolf-Dieter Storl bei zwei Buchprojekten und zwei DVDs, an denen wir gemeinsam gearbeitet haben, tolle Erfahrungen. Von diesen drei Autoren durfte ich eine Menge lernen, dafür bin ich sehr dankbar.

Sie lieben auch die Musik. Was gefällt Ihnen daran besonders gut?
Musik ist für mich eine weitere Ausdrucksform neben dem Schreiben. Manches, was mit Worten nur unzulänglich gesagt werden kann, ist besser in einer Melodie aufgehoben. Musik spricht auf ziemlich direktem Weg die Emotionen an und kann dadurch Menschen auf einer ganz anderen Ebene erreichen.
Ich mache ja hauptsächlich Trommelmusik, und hier ist es auch diese erdende Kraft eines tiefen Trommelschlags, der mich fasziniert. Das geht in den Bauch, in unser körperliches Zentrum, und verhindert, dass wir „abheben“. Oftmals fließt Musik scheinbar ganz von alleine, sie entsteht einfach, während man spielt. Das ist für mich eine Form von Meditation. Musik ist also sehr vielfältig – und eigentlich gefällt mir alles an ihr!

Wie lief die Zusammenarbeit mit Ihrer Frau an "Jedes Wort kann ein Segen sein"?
Jennie und ich haben ja schon an mehreren Buch- und CD-Projekten zusammengearbeitet und ergänzen uns dabei sehr gut. Wir sprechen miteinander über unsere Ideen, lesen gegenseitig unser Geschriebenes, erweitern es, hinterfragen es, führen einen Dialog über das jeweilige Thema. Dabei ist es immer von Vorteil, dass unser Hintergrund ganz verschieden ist und wir so ein Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten können, was verhindert, dass wir Dinge einseitig darstellen. Abgesehen davon macht es einfach Spaß, als Paar an solchen Projekten arbeiten zu können und sich gegenseitig „die Bälle zuzuspielen“…

Ihr nächstes Buch "Öffne deinen Heiligen Raum" erscheint im März. Was dürfen Ihre Leser davon erwarten?
Das ist auch wieder ein Buch, das Jennie und ich zusammen geschrieben haben. Wir beschäftigen uns darin mit der Anrufung, die jede schamanische Arbeit einleitet. Diese Anrufung der Himmelsrichtungen, der damit verbundenen Tiergeister und Elemente nennt man „Den heiligen Raum öffnen“. Man stellt einerseits seinen Geist darauf ein, gleich schamanisch zu reisen, andererseits begrüßt man die Anderswelt und kündigt sich selbst und seine Absicht an. Wir sprechen von „deinem heiligen Raum“, weil wir die Leser dazu ermutigen möchten, diese Anrufung ganz persönlich zu formulieren und zu gestalten. Dafür findet man in diesem Büchlein viele praktische Übungen, die dabei helfen, dem eigenen Erleben und dem eigenen Bezug zu bestimmten Tieren oder Landschaften nachzuspüren und Ausdruck zu verleihen. Je persönlicher und authentischer wir diese Anrufungs-Zeremonie gestalten, desto leichter fällt uns das schamanische Reisen und desto klarer wird unsere Erfahrung in der Anderswelt.

Möchten Sie den Lesern noch etwas mitteilen?
Mich begleitet seit vielen Jahren ein bestimmtes Zitat, das ich mir immer wieder vor Augen führe und das ich gern mit Ihren Lesern teile. Ganz egal, welcher spirituellen Tradition wir folgen, diese Worte können meiner Ansicht nach sowohl einen sinnerfüllten Weg als auch ein sehr lohnenswertes Ziel beschreiben. Sie stammen vom großen amerikanischen Dichter Walt Whitman und lauten: „Mein Herz ist weit. In mir hat vieles Platz.“

 

(Ursprünglich erschienen auf www.lazyliterature.de. Vielen Dank an Julia Weisenberger und ihre tolle Arbeit!)


Interview Lesen.Hören.Staunen (Januar 2014)

Wie hast du die Musik und das Trommeln für dich entdeckt?
Mit Musik habe ich schon immer sehr starke Emotionen verbunden. Kaum etwas „packt“ mich so, wie ein guter Song. Das war auch schon sehr früh so – ich habe bereits als Kind mein Taschengeld für Platten ausgegeben. Zudem habe ich schon immer auf allem Möglichen herumgeklopft und meine Mitmenschen damit so manches Mal ziemlich genervt.
Als Jugendlicher habe ich dann aktiv begonnen, Musik zu machen – eigentlich mit dem Schlagzeug, aber da in den Bands nie jemand war, der singen wollte (oder konnte), habe ich das dann übernommen und immer mehr gemacht. Das war für mich eine Möglichkeit, meine eigenen Gefühle auszuloten und sie zugleich auszudrücken. Nebenbei habe ich aber immer mehr traditionelle Percussion-Instrumente wie die Darbouka, die Djembé oder die Conga entdeckt und sie manchmal auch in den Sound der eher härteren Bands, in denen ich gesungen habe, eingebaut. Irgendwann war das mit den Bands zu Ende – aber die Percussion-Sachen blieben.
Trommeln ist für mich eine der Urformen von Musik. Ich kann mich darin vergessen, mich völlig entspannen und werde gleichzeitig von neuer Energie erfüllt. Mein Denken wird ausgeschaltet und ich habe das Gefühl, ganz pur ich zu sein und im Rhythmus aufzugehen. Ich mag den Klang, den man körperlich spürt.

Was inspiriert dich für gegenwärtige und künftige Projekte?
Da gibt es viele verschiedene Aspekte: Zum einen ist es die Natur, ihre Tiere oder Landschaften. Manchmal sehe ich zum Beispiel einen Berg und habe sofort einen Klang dazu im Ohr – dieses tiefe Dröhnen der Erde, diese Urgewalt, mit der der Berg einfach dasitzt. Oder ich sehe Raubvögel am Himmel und habe eine Idee für eine Melodie auf der Obertonflöte. Dort, wo ich wohne, gibt es viele Pferde, und ich finde es immer beeindruckend, wenn sieben oder acht von ihnen eine längere Strecke galoppieren – auch das hat einen ganz besonderen Klang, der mich inspiriert. Und im beginnenden Winter ziehen hier immer jede Menge Kraniche und Wildgänse über das Haus hinweg. Auch ihre Rufe sind eine ganz eigene Musik.
Zum anderen sind es die Instrumente selber: das Holz, das Fell. Die Djembé, auf der ich meist spiele, ist für mich wunderschön, etwas ganz Besonderes. Sie hat jede Menge Töne, jede Menge Feinheiten, die man aus ihr herauslocken kann. Wenn man sie dann mit anderen Instrumenten kombiniert, mit Klangschalen, Hölzern, was auch immer, dann kann man immer wieder etwas Neues entdecken.
Ich könnte auch ständig neue Instrumente kaufen – neue Klänge faszinieren mich einfach. Ehrlich gesagt, probiere ich auch jeden Tisch und jeden Stuhl aus, um zu erfahren, wie er klingt. Da kommen wir dann wieder darauf zurück, andere Menschen zu nerven…
Dann gibt es auch noch die Inspiration durch die Teilnehmer der Seminare von Jennie und mir. Wenn ich z.B. bei gewissen Zeremonien den Tanz der Teilnehmer begleite – sie also nicht zu meinem Trommeln tanzen, sondern ich zu ihrem Tanz trommele, ihren Ausdruck musikalisch umsetze – dann bekomme ich auch immer wieder neue Ideen, für die ich sehr dankbar bin.
Und zuletzt gibt es auch noch manche Bücher, bei denen Bilder in meinem Kopf entstehen, für die ich dann auch gleich einen Soundtrack parat hätte…

Was willst du den Menschen mit deiner Musik vermitteln?
Ich glaube, dass Trommelmusik den Bauch anspricht, sozusagen die Mitte des Menschen. Auch wenn in der spirituellen Szene oft von der geistigen Welt gesprochen wird, sind wir dennoch körperliche Wesen – und das ist auch gut so. Wir sollten das Geistige im wahrsten Sinne des Wortes ver-körpern.
Ein richtig lauter Bass-Schlag auf einer guten Djembé führt uns sofort ins Hier und Jetzt – und in unseren Körper. Das lässt uns aus dem Wolkenkuckucksheim zurückkehren, in das wir uns manchmal zurückziehen, heraus aus den Gedanken, in die wir uns manchmal versteigen können, zurück zu unserem Platz – genau HIER! Ganz natürlich können wir dann diesen Platz einnehmen. Das ist eine Energie, die ich sehr wertschätze, weil ich selbst manchmal dazu neige, viel zu verkopft zu sein und mir Gedanken mache, die kein Mensch braucht.
Es wäre schön, wenn meine Musik einen kleinen Teil dazu beitragen könnte, dass Menschen ihren Körper spüren, seiner Weisheit vertrauen und sich mit der Welt und den anderen Wesen verbunden fühlen würden.

Wie sehen deine zukünftigen Projekte aus, auf die wir uns freuen können?
Im Februar erscheint meine neue CD „Tao Drum“, die – wie der Titel schon andeutet – von den Weisen des alten Chinas inspiriert ist. Diese Lehrer des frühen Taoismus hatten einen ganz unverstellten Zugang zu sich selbst und der Welt, die sie umgab. Ich mag ihre sehr bodenständige Spiritualität sehr. Darüber hinaus verfügten sie über die Fähigkeit, sich wirklich zu entspannen, loszulassen, zu genießen – und dann, wenn es angebracht war, völlig mühelos zu handeln. Diese CD ist für all die Menschen gedacht, die sich öfter einmal überfordert fühlen oder unter Stress-Symptomen leiden, die ihnen jede Energie rauben. Die ersten beiden Stücke auf der CD dienen der Entspannung und der Regeneration, dann wird es etwas dynamischer und der Fokus liegt mehr auf dem Erlangen neuer Energie und Kraft. Es gibt tiefe, warme Trommeln, aber auch Hölzer, dazu Klangschalen und auch Obertonflöten. Ich bin sehr glücklich mit den Aufnahmen, die wieder Christian Köhler im KlangUnion-Studio in Bielefeld gemacht hat. Ich könnte mir nicht vorstellen, eine CD ohne ihn aufzunehmen.
Für den Herbst oder Frühjahr 2015 plane ich dann wieder eine tanzbarere Scheibe, die von schnelleren Rhythmen getragen sein wird. Dazu kann ich allerdings jetzt noch nicht so viel sagen, weil ich gerade erst mit der Planung begonnen habe.
Und ich probe zur Zeit gemeinsam mit dem Schlagzeuger meiner ehemaligen Band, wie man reine Percussion-Stücke auf die Bühne bringen kann. Das macht mir gerade sehr viel Spaß! Die perkussiven Sounds zusammen mit einem „normalen“ Schlagzeug klingen verdammt gut und machen richtig Druck. Mal sehen, was aus diesem Projekt wird. Ist auf jeden Fall klasse, wieder etwas mit ihm zusammen zu machen – ist ein toller Musiker und ein toller Mensch.

 

(Ursprünglich erschienen auf "Lesen. Hören.Staunen.", dem Blog von Darja Wetzel.)


Interview Magazin Meile (August 2013)

Das Buch "Selbst ein Anfang sein" von Dirk Grosser hatte mich sehr berührt. Ich fand dort viele Gedanken wieder, die sich mit meinem Empfinden und Erleben unserer Welt, der Schöpfung und des Kosmos decken, die mir wieder einmal zeigten, dass wir doch selbst so viele Dinge in der Hand haben und das so vieles, ja vielleicht sogar alles, was wir brauchen, in uns ist. Grund genug für mich, den Bielefelder Buchautoren zu besuchen und mich mit ihm über die Begeisterung und das Staunen zu unterhalten. "Staunen heißt, mit neuen Augen sehen", so beschreibt Dirk Grosser es in einem Kapitel seines Buches.

Sind das Staunen und die Begeisterung verwandt?
Im Wort "Begeistern" ist ja schon der "Geist" enthalten. In der Erfahrung, die begeistert, berührt mich der große Geist, wenn mein eigener Geist offen ist und noch staunen kann.
Daher ist das Staunen die Grundvoraussetzung, sich begeistern zu können.

Hermann Hesse sagte: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Der Zenlehrer Shunryu Suzuki spricht vom "Anfänger-Geist", Sie davon, "selbst ein Anfang zu sein".
Ja, die Erkenntnis von Suzuki, dass es "im Anfänger-Geist viele Möglichkeiten gibt, im Geist des Experten nur wenige", hat mich bewegt. Je weniger Konzepte und Theorien über die Welt wir mit uns herumschleppen, desto mehr kann die Welt uns berühren.
Dann können wir in ganz alltäglichen Dingen das Wunder erkennen und uns darin verlieben. Wirklich begeistern können wir uns m.E. nur, wenn wir uns ohne Erwartungen in etwas oder jemanden verlieben.

Gibt es etwas, das Ihnen hilft im Leben begeistert zu sein?
Ein sehr hilfreiches Werkzeug kann die Meditation sein. Mein Geist wird dabei offen. Das ist die Essenz der Meditation: Das Sehen neu zu lernen, das, was wirklich ist, hereinzulassen, und die Welt nicht so zu betrachten, wie sie unserer Meinung nach sein sollte. Wenn ich mich in dieser Weise öffne, kann ich mich immer wieder allem neu zuwenden. Die größten Meister darin sind Kinder, die einfach schauen, ohne ein Urteil im Kopf zu haben.
Die Meditation öffnet den Geist. Dann hat die Welt eine Chance, zu uns durchzudringen. Natürlich sind wir so auch verletzlich, aber wenn wir eine Ritterrüstung tragen, um uns zu schützen, dann bleibt die Welt außen vor. Ich glaube, viele Menschen leben so. Sie lassen sich von nichts oder Wenigem berühren, weil sie Angst haben, verletzt zu werden oder Schwäche zu zeigen.

Haben wir da eine Lernaufgabe?
Es ist immer das Ego, das Angst hat und sich schützen möchte. In der Meditation tritt das Ego zurück und lässt der wirklichen Erfahrung Raum. So können wir die Wirklichkeit annehmen und uns begeistern lassen!
Man kann es fast formelartig zusammenfassen:
Meditation -> offener Geist -> Staunen -> Begeisterung -> Liebe.
Die Meditation öffnet unseren Geist, macht Staunen möglich, das wiederum Begeisterung weckt und mich in die Welt verlieben lässt.
Dazu ist mir noch ein Gedanke wichtig:
Die Meditation als solche sollte immer wieder etwas Neues sein. Wenn ich jemanden sagen höre, dass er eine langjährige Meditationserfahrung hat, dann spricht da eher das Ego. Doch in der Meditation hört das Ego für einen Moment auf zu existieren. Der Meditierende setzt sich immer wieder mit der inneren Haltung hin: Mal sehen, was heute passiert.
Man kann in der Meditation eine tolle Erfahrung machen, ein überwältigendes Körpergefühl erleben, eine große geistige Klarheit verspüren und begeistert sein.
Ich habe das so erlebt, gleich bei den ersten Meditationsübungen. Und dann bin ich dieser Erfahrung jahrelang nachgerannt und wollte es genau so wieder erleben. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass mein Geist gar nicht offen war, weil ich etwas ganz Bestimmtes wollte und meine Erwartungshaltung mir völlig im Weg stand. Die Neugierde, die Offenheit, der Anfänger-Geist, sie sind unsere Lehrmeister.

Kann uns so etwas auch in der Partnerschaft begegnen?
Ja. Wir verlieben uns, kommen uns näher, binden uns, und haben dann nach einiger Zeit ein Bild von unserem Partner im Kopf, eine Erwartung. Das ist ein Grund, warum viele Partnerschaften nicht funktionieren. Plötzlich sehen wir, dass sich etwas beim Partner entwickelt, was gar nicht mehr dem Bild entspricht, das wir von ihm haben. Zum Beispiel sind viele Frauen zwanzig Jahre im Haushalt und ziehen die Kinder groß. Dann sind die Kinder plötzlich aus dem Haus und die Frau sucht sich andere Aufgaben, wendet sich evtl. sogar Spirituellem zu – und das gefällt dem Mann dann gar nicht. Er möchte lieber, dass seine Frau so ist und bleibt wie früher…
Menschen sind aber nicht statisch, sondern sie verändern sich jeden Tag.
Wir haben die Möglichkeit, das positiv wahrzunehmen. Denn es kann ein großes Geschenk sein zu sehen, wie sich ein Mensch entwickelt. Auch bei unseren Kindern ist das eines der wertvollsten Geschenke.

Wie ist das mit der Begeisterung in der Musik, Ihrer Passion?
Wenn ich Musik mache, habe ich auch oft diese Erfahrung, dass mich etwas Größeres als ich selbst berührt. Ich spüre, da passiert etwas, da entsteht etwas. Ich kann mich von mir selbst überraschen lassen. Wenn ich dann aber an einem zurechtgelegten Konzept festhalten möchte, kann es passieren, dass die gerade entstandene Inspiration verschwindet und sich auflöst.
Es ist für mich eine wertvolle Erfahrung, Dinge geschehen zu lassen. Das geht sicher nicht in allen Bereichen des Lebens, aber es ist sehr schön, sich ab und an überraschen zu lassen.

 

(Ursprünglich erschienen im Magazin MEILE von Petra Jastro.)